Sonntag, 14.07.2024
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Richtfest beim Forum Wissenschaftsreflexion
Baufortschritt des Forschungsbaus der Geistes- und Sozialwissenschaften in der hannoverschen Nordstadt wird gefeiert
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Mit Matrix Evolution zu langlebigen Implantaten
Verbund von Wissenschaftlerinnen der Leibniz Universität Hannover und der MHH erhält rund 1,5 Millionen Euro Forschungsförderung
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Preis für die Entwicklung der Hautkrebsdiagnostik
Kooperationsprojekt der Leibniz Universität Hannover und der Universität Rostock zur Hautkrebsfrüherkennung erhält Auszeichnung
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75 Jahre Grundgesetz
Am 12. Juni 2024 spricht Peter Müller, Richter a.D. des Bundesverfassungsgerichtes und ehemaliger Ministerpräsident des Saarlandes, an der Leibniz Universität Hannover
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Mein Hobby: True Crime | Zurück

Sobald ich morgens das Haus verlasse, begleiten sie mich durch den Alltag. Während ich die Stufen zur U-Bahn hinuntergehe, folgen sie mir auf Schritt und Tritt, sind stets hinter mir, flüstern mir ihre düsteren Gedanken ins Ohr. Zwänge ich mich in die überfüllte Bahn voller fremder Menschen, sind sie mir ganz nah. Die Rede ist von Serienkillern: Jeffrey Dahmer, der BTK-Killer, Fritz Haarmann und viele mehr. Schon am frühen Morgen höre ich mir ihre Geschichten an, tauche in ihre Welt, in ihre abgründige Psyche ein und lasse mich berieseln von Folter, Mord und Blutbädern. Der perfekte Start in den Tag. Oder?

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Wenn ich darüber nachdenke, welche brutalen und teilweise verstörenden Geschichten mein Interesse wecken, frage ich mich, ob mit mir alles in Ordnung ist. Ist es normal, dass ich Geschichten über das Morden spannend finde? Finde ich überhaupt die Morde spannend? Oder sind es vielmehr die Beweggründe, die Menschen zu solchen Taten verleiten? Sind es die Einblicke, die ich in die Abgründe menschlichen Daseins erhalte? Ich weiß es nicht. Was ich allerdings weiß: True Crime ist ein super Alltagsbegleiter – spannend, informativ und beruhigend.

Ja, tatsächlich. Beruhigend. Neben all dem Nervenkitzel, den mir zahlreiche True-Crime-Formate immer wieder bescheren, schaffen sie aus irgendeinem Grund auch ein Gefühl von Sicherheit. Ich bilde mir ein, bei all dem Wissen, das ich mir über die Verhaltensweisen und Auffälligkeiten solch skrupelloser Killer angeeignet habe, für den Fall der Fälle ideal gewappnet zu sein. Selbstverständlich erkenne ich Serienmörder*innen schon aus der Ferne und weiß genau, wie ich ihnen entgegenzutreten habe, damit mir nichts passiert. Jedenfalls ist das die Wunschvorstellung. Und in einer Welt, in der theoretisch jeder Mensch, dem ich über den Weg laufe, ein*e Mörder*in sein könnte, macht diese gefühlte Sicherheit schon eine Menge aus.

Vielleicht ist auch ein Stück weit Erleichterung mit im Spiel. Zum einen die Erleichterung, dass all die Mörder*innen, deren Geschichten ich mir anhöre, gefasst wurden und kein Unheil mehr anrichten können. Zum anderen aber auch die Erleichterung darüber, dass es nicht mich, sondern andere Menschen getroffen hat, dass nicht ich, sondern sie zum Opfer wurden. Ist das makaber? Vermutlich schon. Aber auch menschlich, finde ich. Schließlich sind wir doch alle froh, wenn wir und unsere Liebsten unversehrt durchs Leben kommen.

Was steckt hinter dem Phänomen True Crime? Ist es die pure Angst-Lust, wie sie auch Horrorfilm-Fans verspüren? Die Faszination für das Abstoßende und Aufsehenerregende? Neugier? Oder einfach der Zeitvertreib? Letztlich gibt es zahlreiche verschiedene Gründe, die Menschen dazu bewegen, True-Crime-Formate zu konsumieren. Laut Christine Hämmerling vom Institut für Sozialanthropologie und Empirische Kulturwissenschaft der Uni Zürich lassen sich aber drei wesentliche Beweggründe von True-Crime-Fans zusammenfassen:

1. In Zeiten von Fake News und viel Unsicherheit wird das Bedürfnis nach realen und authentischen Informationen bestärkt. True-Crime-Formate stillen dieses Verlangen.

2. Viele Menschen streben in ihrem Leben ein bestimmtes Ziel an und erleben entsprechend Befriedigung, wenn die Ermittlungen, die sie in solchen Formaten nachverfolgen, mit der Verhaftung und Verurteilung der Täter*innen in einem Ziel münden.

3. Reale Kriminalfälle ermöglichen im Vergleich zu fiktiven Erzählungen nicht nur das Miträtseln, sondern auch das Anstellen „eigener Ermittlungen“. Durch zusätzliche Recherchen nehmen sich True-Crime-Fans als relevanter Teil der echten Ermittlungen wahr.

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Ich habe dazu eine kleine Umfrage gestartet und eure Eindrücke bestätigen das:

„Bei True Crime weiß ich, dass mir nicht irgendein Blödsinn erzählt wird und die Dinge auch wirklich so stattgefunden haben. Das macht das Ganze so authentisch. Wenn ich dann mal einen Krimi gucke, der frei erfunden ist, fallen mir immer wieder Sachen auf, die gar nicht zusammenpassen und in der Realität sicher anders gewesen wären.“ - Lennard, 23

„Ich finde die investigative Herangehensweise bei den Ermittlungen und Recherchen besonders spannend, aber auch die Einblicke in die vielfältige Psyche von Menschen, deren Hintergründe und Motive“ - David, 23

„Wenn ich mir sowas anhöre und angucke, glaube ich immer, ich bin draußen auf alles vorbereitet und mir kann nichts passieren. Ich weiß ja quasi, wozu Menschen so fähig sind und worauf ich achten muss.“ - Johanna, 22

„Ich liebe es, mich mit sowas zu beschäftigen. Ganz oft inspirieren mich True Crime Dokus oder Podcasts dazu, mich noch mehr über die Täter*innen zu informieren und sie noch besser kennenzulernen“ - Paula, 21

„Mich faszinieren die Brutalität und die Motive, die die Menschen dazu bringen“ - Anna, 21

„Ich mag nur bestimmte True-Crime-Podcasts. Wenn einfach nur Fakten aneinandergereiht werden, schalte ich komplett ab, aber wenn die Geschichte und alle Details richtig nacherzählt werden, fesselt mich das total. Als würde mir jemand aus einem Krimi vorlesen.“ - Laura, 21

„Ich fiebere einfach voll gerne mit, wenn die Ermittlungen nacherzählt werden. Ich fühle mich da so richtig rein und bin am Ende auch echt beruhigt, wenn es zur Verurteilung kommt und ein Übeltäter weniger auf diesem Planeten wandelt.“ - Melike, 22

„Ich finde die Psyche der Menschen faszinierend und möchte erfahren, wie und warum sie so geworden sind. Ich möchte wissen, wie ihr Verhalten gegenüber anderen ist, wie sie von ihren Mitmenschen wahrgenommen werden und nach welchen Kriterien sie ihre Opfer auswählen. Mir ist vor allem ein verurteilter Vergewaltiger im Kopf geblieben, der meinte, er würde nach Mädchen mit Zopf Ausschau halten, weil man daran so einfach ziehen könnte ...“ - Juliana, 21

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Meine Umfrage hat mich beruhigt. Weil ich jetzt grob die psychologischen Hintergründe kenne und einen Einblick in die Beweggründe anderer True-Crime-Fans erhalten durfte, bin ich mir ziemlich sicher, dass mit mir alles in Ordnung ist. Am Ende ist der Unterschied zu fiktiven Kriminalgeschichten doch auch gar nicht so groß und ich hätte ohnehin nicht aufgehört, True Crime zu hören. Aber, was ich mir immer wieder ins Gedächtnis rufen muss: Es geht um echte Menschen. Die Opfer von Serientäter*innen haben unglaubliches Leid erfahren, wurden qualvoll ermordet und teils auch nach ihrem Tod misshandelt und missbraucht. Diese Menschen haben Familien und Freunde in Trauer hinterlassen. Ihre Schicksale dienen vor allem der Aufklärung und der Prävention – der Unterhaltungs-Faktor, den ihre Geschichten wohl oder übel vielen Menschen (wie auch mir) garantieren, sollte nebensächlich sein aus Respekt vor den Betroffenen.

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Für alle, die jetzt auf den Geschmack gekommen sind, hier einige True Crime Empfehlungen:

Podcasts

Weird Crimes
In diesem Podcast erzählt Visa Vie ihrer Kollegin Ines Anioli frei von wahren Kriminalfällen. In Kombination mit privaten Gesprächen und spontanen Einwürfen wird eine lockere Atmosphäre geschaffen, die dazu beträgt, die ernsten Themen leichter aufzunehmen.
Folgen-Veröffentlichung: Jeden zweiten Donnerstag.

Mord auf Ex
In abwechselnder Reihenfolge erzählen sich Leonie Bartsch und Linn Schütze von rätselhaften Cold-Cases, mysteriösen Sekten und Mafia-Fällen. Dabei bleiben sie stets nah am Geschehen, stellen die historischen und psychologischen Hintergründe dar und integrieren Interviews mit Betroffenen und den beteiligten Behörden.
Folgen-Veröffentlichung: Jeden Montag

Mordlust – Verbrechen und ihre Hintergründe
Paulina Krasa und Laura Wohlers thematisieren Kriminalfälle aus Deutschland. Pro Folge werden zwei verschiedene Fälle zu einem übergeordneten Thema mit möglichst vielen Details und eingeschobenen Expert*innen-Interviews konkret nacherzählt. Anschließend diskutieren die zwei Journalistinnen im „Aha“ die strafrechtlichen und psychologischen Hintergründe.
Folgen-Veröffentlichung: Jeden Mittwoch.

ZEIT Verbrechen
Sabine Rückert ist ZEIT-Expertin für Verbrechen und deren Bekämpfung. Sie schrieb bereits preisgekrönte Gerichtsreportagen und deckte in der Vergangenheit zwei Justizirrtümer auf. Ihre Themenfelder sind Rechtsmedizin und Kriminalpsychiatrie sowie Glaubwürdigkeitsbegutachtung und Profiling. Im Podcast erzählt sie Andreas Sentker von „ihren“ Fällen, während er ergänzt und reagiert.
Folgen-Veröffentlichung: Jeden zweiten Dienstag

Schwarze Akte
Anne Luckmann und Patrick Strobusch beschäftigen sich mit außergewöhnlichen Kriminalfällen und den dazugehörigen, teils merkwürdigen Spekulationen. Hierzu erzählen sie die Fälle und ihre Hintergründe sehr konkret und faktenorientiert nach.
Folgen-Veröffentlichung: Jeden Dienstag.

Serienkiller – Mörder und ihre Geschichten
Diane Hielscher und Marc Augustat erzählen gemeinsam die Geschichten und psychologischen Hintergründe berühmter Serienmörder-Fälle weltweit. Um möglichst detailliert wiederzugeben, was geschehen ist, sind die Fälle auf zwei bis drei Folgen aufgeteilt, die aufeinander aufbauen.
Der Podcast wurde nach dem 23.03.2023 eingestellt. Bis zu diesem Zeitpunkt wurden 207 Folgen veröffentlicht.

Stimmen im Kopf – die Abgründe der menschlichen Psyche
Der Schwerpunkt dieses Podcasts liegt auf den psychologischen Gegebenheiten, die die Täter*innen zu ihren Straftaten bewogen haben. Die Fälle werden von Denise und Pia-Rhona Saxe detailreich und faktennah nacherzählt und an passenden Stellen mit spontanen Einwürfen ergänzt.
Folgen-Veröffentlichung: Jeder zweite Sonntag

Die Spur der Täter
Für diesen Podcast von Mattis Kießling, Felix Gebhardt und Anne Eichhorn öffnen Polizeibehörden und Staatsanwaltschaften exklusiv ihre Akten und geben Informationen preis. Die Nacherzählung der Kriminalfälle findet überwiegend in Interviewform statt und enthält Zitate von Betroffenen, Zeug*innen, Expert*innen aus Profiling, Rechtsmedizin und Justiz.
Folgen-Veröffentlichung: zwei Mal im Monat

Stern Crime – Spurensuche
Im Interview mit Bernd Volland erzählen Ermittler*innen und Spezialist*innen aus Deutschland von ihren spannendsten Fällen sowie Herausforderungen in dem Beruf.
Folgen-Veröffentlichung: Jeder zweite Freitag

TV-Formate/Streaming

Aktenzeichen XY … ungelöst im ZDF
Seit 1967 werden jeden zweite Mittwoch im Monat ungeklärte Kriminalfälle, überwiegend aus Deutschland bzw. Fälle, an denen deutsche Behörden beteiligt sind/waren, vorgestellt. Hierbei werden die Fernseh-Zuschauer*innen direkt angesprochen und um Mithilfe gebeten.

ARD Crime Time abwechselnd auf SWR, hr und mdr
Montags, mittwochs und sonntags erzählen die Staatsanwaltschaft, Rechtsmedizin, Polizei und Profiler*innen aus Deutschland von nervenaufreibenden Fällen.

Conversations with a Killer: The Jeffrey Dahmer Tapes auf Netflix
Diese Dokumentation handelt von einem Serienmörder aus den USA, der seine männlichen Opfer zunächst ermordete und anschließend zerstückelte. Körperteile einiger seiner Opfer aß er und wurde dadurch sexuell erregt.

Till Murder Do Us Part: Soering vs. Haysom auf Netflix
In dieser Dokumentation wird ein Doppelmord, der 1985 in den USA stattgefunden hat, thematisiert. Kern dieser Doku ist die Diskussion darüber, ob es die Tochter des ermordeten Ehepaars, Elizabeth Haysom, oder ihr Freund, der deutsche Diplomatensohn Jens Soering gewesen ist. Bis heute beteuert Soering, der mehrere Jahre in den USA im Gefängnis einsaß, seine Unschuld.

>> Laura Druselmann
>> Bilder: Patrick Grüterich, Pexels / Pixabay.com

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