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Die besondere Studentin: Yekta | Zurück

Yetka ist mit 24 Jahren allein aus dem Iran nach Deutschland gekommen, um hier zu studieren und auch zu arbeiten. Kein leichter Schritt – ein fremdes Land, eine andere Kultur, ein ganz neues Leben. Sie hat gekämpft und sich in Deutschland eine Perspektive erarbeitet. Wir haben mit ihr im Interview über ihre ersten Jahre in Deutschland und über ihre Pläne für die Zukunft gesprochen.

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Du kommst gebürtig aus dem Iran? Wie kam es dazu, dass du jetzt in Deutschland lebst?
Ich bin allein nach Deutschland gekommen, das war im April 2018 an den Ostertagen. Ich war damals 24 Jahre alt. Im Iran hat mir einfach die Perspektive gefehlt. Ich habe mir überlegt, welche Möglichkeiten ich dort habe, was mich erwartet, welche Zukunft für mich möglich ist. Und die Antworten darauf haben mich nicht so richtig glücklich gemacht. Also habe ich mich dazu entschieden, den Iran zu verlassen und in Deutschland zu studieren. Ich würde mich als ziemlich mutigen Menschen bezeichnen, ich springe gerne mal ins kalte Wasser. Ich bin dann einfach gesprungen.

Wie war deine Ankunft in Deutschland, deine erste Zeit? 
Das war gar nicht leicht, vor allem wegen der Sprachbarriere. Ich hatte mir vom Iran aus eine Studierendenwohnung besorgt. Ich bin am Frankfurter Flughafen angekommen und dann mit dem Bus nach Jena in Thüringen gefahren, das war meine erste Station in Deutschland. Das war kein leichter Tag. Mich zu orientieren, mich zurechtzufinden. Ich habe dann in Jena meinen Schlüssel abgeholt und war einfach nur erledigt.

Und wie ging es dann weiter?
Das größte Problem war natürlich die Sprachbarriere, das war vor allem im ersten Jahr eine echte Herausforderung. In meinem ersten Semester habe ich bestimmt 70 Prozent von dem, was gesprochen wurde, nicht verstanden. Ich hatte jeden Abend Kopfschmerzen davon und konnte mich auch nicht richtig mit meinen Kommiliton*innen unterhalten. Ich hatte auch nicht das Selbstbewusstsein, es einfach zu versuchen. Ich habe darum im ersten halben Jahr jeden Tag fast zehn Stunden lang Deutsch gelernt und auch einen Sprachkurs gemacht. Ich wollte unbedingt das C1 Sprachzertifikat bekommen.

Deutsch ist ja auch keine leichte Sprache …
Deutsch ist unglaublich schwer, vor allem mit einem total anderen sprachlichen Hintergrund. Deutsch funktioniert völlig anders. Aber ich habe es ganz gut geschafft. Du kannst es ja hören. In den ersten Monaten war das aber wie gesagt anders. Und hat mir natürlich auch eine Menge Probleme bereitet. Zum Beispiel bei der Wohnungssuche hier in Hannover. Alles war schwer. Allein, ohne Familie, noch ohne Freundinnen. Die Sprache ist wirklich ein ganz wichtiger Schlüssel. Und gewisse Hürden gibt es immer noch, zum Beispiel, wenn ich telefoniere und diesen Akzent habe. Es gibt dann Leute, die haben keine große Lust, mit mir zu telefonieren.

Das war wahrscheinlich eine ziemlich harte Zeit in den ersten Monaten. Hast du daran gezweifelt, dich richtig entschieden zu haben?
Klar. Solche Gedanken hat man. Aber auf der anderen Seite habe ich mir immer wieder gesagt, dass das hier für mich eine riesige Chance ist, die ich einfach nutzen muss. Überhaupt einen Studienplatz zu haben. Ich habe mir in Erinnerung gerufen, aus was für einem Land ich komme und wie dort meine Aussichten wären. Mein Leben musste und sollte hier in Deutschland weitergehen, das stand für mich ganz fest.

Was hast du studiert, bzw. studierst du?
Ich habe den dualen Studiengang „Integrated Media and Communication“ studiert und habe meinen Bachelor, möchte aber noch den Master dranhängen. Das Studium war für mich auch eine ganz schöne Möglichkeit, mich zu integrieren. Ich habe dort Freundinnen und Freunde gefunden, meine Kommiliton*innen haben mich super unterstützt, ich habe mich nie allein gelassen gefühlt. Das war für mich echt wichtig, vor allem in den ersten zwei schwierigen Jahren. Jetzt ist natürlich alles anders, ich kann kommunizieren, kann chatten. Kann mich mit Kommiliton*innen treffen und einfach Spaß haben. Und was fast das Wichtigste ist, ich kann meine Gefühle auf Deutsch ausdrücken und erklären. Diese Möglichkeit hatte ich zuerst gar nicht. Und das war wirklich schwer. Wenn du niemandem mitteilen kannst, wie es dir geht, gerade in einer Situation, in der noch sehr viel ungewiss ist.

Bist du noch häufig im Iran, um Familie und Freund*innen zu besuchen?
Ich bin wegen der politischen Situation nicht mehr so häufig im Iran. Wenn ich dort bin, treffe ich meine Freundinnen und viele Bekannte, die aber alle mittlerweile wegen der Situation kein einfaches Leben mehr haben. Das ist schon traurig. Andere Studierende, die ich kenne, fliegen noch mehrmals jährlich in den Iran, aber ich glaube, ich möchte das nicht mehr. Und vor zwei Jahren ist auch mein Bruder nach Deutschland gekommen, ich habe jetzt also ein bisschen Familie hier. Das ist natürlich total schön.

Was vermisst du am meisten, wenn du an den Iran denkst?
Ich glaube, ich vermisse am meisten diese besondere Mentalität. Die Menschen im Iran sind sehr gastfreundlich, sie gehen ganz viel vor die Tür, sie sind total gesellig und versuchen immer, glücklich zu sein. Sie lachen, egal was passiert. Es wird viel getanzt. Sie haben einen tollen Humor. Abends geht man gemeinsam in die Restaurants und hat einfach Spaß. Und es geht lange, auch unter der Woche gerne mal bis 1 Uhr. Es gibt so eine Night-Life-Kultur. Auch die Läden haben dort bis in die Nacht auf. In Deutschland ist das schon anders, hier hat alles sehr feste Regeln, die Läden schließen um 20, 21 Uhr, unter der Woche ist nicht viel los. Aber auf der anderen Seite ist es in Deutschland sicher. Ich kann den Menschen hier vertrauen, ich kann entspannt sein. Das schätze ich sehr, diese Sicherheit und damit diese Ruhe.

Du würdest dich also auf jeden Fall immer wieder so entscheiden?
Ja, auf jeden Fall. Ich habe jetzt eine gute Ausbildung, ich bin zweisprachig unterwegs, ich habe sehr gute Ausgangsmöglichkeiten. Ich bin wie gesagt auch sehr kommunikativ und neugierig, ich mag Herausforderungen, ich finde Neues spannend. Ich bin generell recht mutig und risikobereit. Wenn ich also noch einmal die Chance hätte, würde ich es wieder so machen. Ich habe so viele gute Erfahrungen in Deutschland gesammelt. Viele Menschen in meiner Heimat bekommen solche Chancen in ihrem ganzen Leben nicht. Ich bin da wirklich sehr dankbar.

Hast du auch negative Erfahrungen in Deutschland gemacht? Ist dir Rassismus begegnet?
Ich hatte ein paar Erfahrungen in der Richtung. Manchmal merke ich, wie gesagt, dass manche Leute keine Lust haben, länger mit mir zu sprechen. Oder man hört mal ein paar Worte, die hinter dem Rücken geflüstert werden. Aber das sind dann Begegnungen in der Bahn oder auf der Straße. Innerhalb der Hochschule ist das ganz anders, bei den Dozierenden, den Kommiliton*innen, auch den Menschen auf der Arbeit ist mir das noch nie begegnet. Im Gegenteil. Ich denke, das ist in Deutschland stark abhängig davon, in welchen Kreisen man sich bewegt.

Du hast eben gesagt, in Deutschland fehlt dir ein bisschen das Night-Life. Wie verbringst du deine Freizeit? 
Ich treffe mich meistens mit Freundinnen, mit meiner besten Freundin Luisa. Am Wochenende koche ich gerne mal, oder ich versuche es (lacht). Außerdem mache ich gerne Sport oder gehe spazieren. Und nicht so sehr in der Freizeit, sondern zum Lernen, setze ich mich gerne mal ein oder zwei Stündchen in ein Café.

Was ist dein Lieblingsort am Campus und wie gefällt dir Hannover?
Bei mir ist es ja die Hochschule und dort ist es unser Planet. An diesem Ort hat für mich wirklich alles angefangen. Das ist mein Lieblingsort. Dort habe ich meinen Weg gefunden. Und ich liebe Hannover. Hannover ist jetzt meine Heimat und hat eine große Bedeutung für mich. Ich bin seit 2019 hier und ich wollte nach meinem Bachelor auch unbedingt hierbleiben und hier mein Leben leben. Ich habe ganz viele Freundinnen hier und überhaupt kein fremdes Gefühl. Hannover ist mein Zuhause

Letzte Frage, wo siehst du dich in fünf oder zehn Jahren? 
Gute Frage. Ich will erstmal meinen Master schaffen. Und mich dann in der Arbeitswelt umsehen. Ich freue mich richtig darauf, mich auszuprobieren, Verantwortung zu übernehmen im Projektmanagement, mich weiterzuentwickeln. Ich möchte Fortschritte machen. Ich bin niemand, der lange stillstehen kann.

>> AV

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