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Auslandssemester am Kings University College in London, Ontario, Kanada | Zurück

Es gibt eine Parallelwelt, Blumen riechen dort blumiger, Düfte riechen duftiger, Weinschmeckt weiniger und alles fühlt sich einfach nach mehr und Meer an, alles ist fehlerlos perfekt. Und auch im Auslandssemester ändert sich alles. Der Weg zur Uni führt über den Regenbogen, Seminare finden am Strand statt, der Wind, spürbar nur als leichte Brise, weht die Sandkörner sanft aufs Handtuch. Gefrühstückt werden Cocktails und Odeuvres im trendigen Café neben dem bildschönen Campus. Stress ist hier ein Fremdwort, eine ferne Erinnerung. Es ist eine Welt, in der Seminare nicht überfüllt, sondern bereichernd sind. Wo das „l“ in Vorlesungen nicht mehr für langweilig, sondern lehrreich steht. Dort wo Professor*innen einem noch etwas beibringen und nicht nur Referate verteilen. „Die beste Zeit deines Lebens!“

Auslandssemester1

Oder ist das Auslandssemester vielleicht relativ ähnlich zu einem Semester hier in Hannover? Natürlich aufregender, keine Frage. Viele neue Eindrücke, Menschen, Erfahrungen, die da auf einen zukommen, aber ist es wirklich so toll, wie es die zahlreichen Accounts auf Instagram zeigen? Warum darf ein Auslandssemester nicht auch einfach mal realistisch ein Semester sein?

Nina ist 23 Jahre alt und studiert an der Leibniz Universität Hannover Englisch und Politik im Bachelor auf Lehramt. Für die demnächst anstehende Masterbewerbung für ihr Erstfach ist es Pflicht, ein Auslandssemester in einem englischsprachigen Land absolviert zu haben. Nachdem sie sich relativ kurzfristig dafür entschieden hatte, musste es schnell gehen. Von vornherein war klar: es soll nach Nordamerika gehen. Nina informierte sich über Partner-Unis der LUH und über mögliche Universitäten des International Student Exchange Programs (ISEP). Nachdem sie recherchierte, in welchen Städten die Unis liegen und was die Unis so für Fakultäten haben, erstellte sie daraus ihre Prioritätenliste. Zehn Universitäten, verteilt über Nordamerika, kamen in die engere Auswahl und wurden zusammen mit einem Motivationsschreiben an das International Office weitergeleitet. Und schon ging es für sie im vergangenen Wintersemester 2022/23 nach Kanada, an das Kings University College in London, Ontario.

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Hättest du ein Auslandssemester gemacht, auch wenn es für deinen Studiengang keine Pflichtgewesen wäre?
Vermutlich ja. Es ist einfach eine außergewöhnliche Erfahrung, die man nicht jeden Tag erleben darf. Die Pflicht war vielleicht trotzdem der Schubs, den man bei so etwas manchmal braucht. Es ist schon auch ein Privileg. Man kann das später nicht noch einmal so einfach wiederholen, was das Geld angeht und vor allem, was die Zeit angeht. Die fehlt dir oft im Berufsleben. Ich glaube, ich hätte mich später geärgert, wenn ich diese Chance jetzt nicht genutzt hätte.

Wie hast du dich vorbereitet?
Tatsächlich recht wenig. Ich wollte auch nicht so viel dran denken, sonst hätte ich mich selbst gestresst – irgendwas muss man immer noch abgeben ... Also habe ich mich letztlich nicht bewusst vorbereitet. Ich habe mir nur selbst ein bisschen Mut zugesprochen. Ich habe mir immer gesagt: „Nina, das wird jetzt vielleicht nicht die beste Zeit deines Lebens, aber es wird auf jeden Fall cool und du wirst etwas für dich mitnehmen können. Die Kurse werden interessant und du wirst was lernen.“ Ist aber vielleicht auch nicht die empfehlenswerteste Taktik. Wahrscheinlich wäre es zum Beispiel klug gewesen, sich vorher zumindest noch zu informieren, was man eigentlich neben der Uni alles so in dem Land sehen will. Das habe ich erst vor Ort getan und mir so selbst Zeit geklaut, die ich lieber anders genutzt hätte.

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Das kanadische London liegt im Dreieck zwischen Toronto, den Niagara Fällen und Detroit und hat auf doppelt so großer Fläche wie Hannover knapp halb so viele Einwohner. Nina wohnte, wie man es aus den Klischee-Ami-Filmen kennt, mitten auf dem Campus. Tatsächlich ist das Pflicht und insbesondere für Auslandsstudierende gar nicht mal so unpraktisch. Ihren Dormroom teilte sie sich mit einem Roommate. „Alle Leute, die ich kennenlernen durfte, waren unglaublich offen und nett“. Viele der anderen Internationalen versuchen durch Lerngruppen oder Partys Kontakte zu knüpfen, das machte es für Nina einfacher, Anschluss zu finden. Tatsächlich kann sie aber auch das Klischee bestätigen, dass man mehr mit anderen Auslandsstudierenden unternimmt als mit Einheimischen. Sie hatte das Glück, relativ schnell eine feste und beinahe familiäre Gruppe zu finden, die ausschließlich aus internationalen Studierenden bestand. Sie haben zusammen gegessen, sind in Bars gegangen oder haben andere Dinge unternommen. Weil man auf dem Campus wohnte, fehlte aber manchmal der Ansporn, sich von dort wegzubewegen. Viel Zeit verbrachten sie gemeinsam in der Cafeteria, die die Gruppe zur ihrer Hanomacke adaptierte (jedoch mit deutlich weniger Charme). Vielleicht vergleichbar mit einer schöneren Version der Contine. Außerdem gab es noch eine Straße mit vielen Bars plus Tanzflächen, die Nina mit ihren Leuten das eine oder andere Mal besuchte.

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Lässt sich dein Uni-Alltag in Kanada mit dem in Hannover vergleichen?
Nein. In Kanada wird man von der Uni mehr eingespannt, obwohl ich in Hannover tatsächlich mehr Kurse belege. Vor allem dadurch, dass Präsenzpflicht herrscht. Das fühlt sich dann sehr nach Zwang an. Ich war häufig vor und nach den Veranstaltungen in der Bibliothek, mit den anderen internationalen Studierenden, die ich da kennengelernt habe. Ich hatte einfach insgesamt mehr zu tun und konnte nicht so viel in der „Hanomacke“ chillen, wie ich es hier kann. In Hannover hat man während des Semesters eher wenig zu tun – und stirbt dann entsprechend am Ende fast, zumindest für ein paar Wochen. In Kanada hatte man durchweg zu tun. Präsenzpflicht, mündliche Noten und Co. Ich habe auch das Gefühl, dass ich in Kanada einen näheren Kontakt zu den Dozierenden hatte. Das fehlt hier in Hannover leider manchmal.

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Nina belegte in ihrer Zeit in Kanada vorwiegend politikwissenschaftliche Kurse, relativ ähnlich zu denen, die auch hier in Hannover angeboten werden. Vor allem der Themenbereich der Internationalen Beziehungen ist stark vertreten. In Kursen wie „Politics and Pop-Culture“, „Negotiating Peace“ oder „Informal Global Governance“ erarbeitete sie Essays, Hausarbeiten oder wöchentliche Studienleistungen. Sprachbarrieren gab es meistens keine. Nina hat schon einmal in einem anderen englischsprachigen Raum gelebt, weshalb die Sprachhürde relativ gering war. Highlights ihres Auslandssemesters waren die kleineren Trips, die sie immer wieder zwischendurch unternommen hat. Vor allem der Roadtrip durch die USA mit einem guten Freund war besonders schön. Das Highlight der Highlights war jedoch der Banff-Nationalpark im Südwesten Kanadas. Schön war aber auch einfach das alltägliche Miteinander, die neue Freundesgruppe, das Uni-Leben, das Leben am Campus und die Treffen in besagter Cafeteria.

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Thema Highlights und vor allem Romantisierung von Auslandssemestern – was sind deine Erfahrungen?
Es wird einfach krass romantisiert. Es wird so dargestellt, als wäre es die geilste Zeit des Lebens und als müsste sie das auch sein. Als gäbe es nur Party und Alkohol und jeden Abend geht man mit wem anders nach Hause. Natürlich gibt es viel Party, aber letztlich hatte man auch wirklich Uni. Uni mit Anwesenheitspflicht. Und diejenigen, die mit der Sprache schwerer zurechtkommen, brauchen mehr Zeit für die Aufgaben als sowieso schon. Die übertrieben romantisierte Darstellung erzeugt am Ende einfach einen enormen Druck, vor allem, wenn man wieder zu Hause ist. Es ist sehr schwierig, wie das medial dargestellt wird, auf Instagram und anderen Social-Media-Plattformen. Party und Sightseeing sind dort ein großer Teil der Auslandssemester. Aber das ist eben nicht alles und manchmal sitzt man allein im Zimmer, hat keine Social-Battery mehr oder hat einfach nur Heimweh. Dessen muss man sich auf jeden Fall bewusst sein. Das war auch tatsächlich mein Negativ-Highlight: Wenn man manchmal das Gefühl hatte, nicht genug zu machen. Man dachte, man verpasst jetzt was und muss alles mitnehmen, alle nur irgendwie möglichen Erfahrungen. Man bekommt vermittelt, es gibt diese eine Auslandsexperience und die muss man voll auskosten, sonst war es nicht richtig. Das war einfach anstrengend.

Auslandssemester2

Für wen würdest du ein Auslandssemester speziell in Kanada empfehlen?

Für Leute, die Geld haben, weil es einfach kackteuer ist. Du wirst vorgewarnt, dass da wahrscheinlich so 5.000 bis 10.000 Euro Kosten auf dich zukommen werden und dem muss man sich bewusst sein, auch ob einem diese paar Monate so viel Geld wert sind. Ohne die Unterstützung meiner Eltern und ohne ein Stipendium, das ich bekommen habe, hätte ich mir das niemals leisten können. Es gibt ganz viele mögliche Stipendien, da lohnt es sich auf jeden Fall mal zu recherchieren, welche für einen in Betracht kommen könnten. Ansonsten empfehle ich Kanada für diejenigen, die Nordamerika im Allgemeinen interessant finden, aber zum Beispiel aus gewissen Gründen nicht in die USA wollen. Immerhin ist es auch in Kanada immer noch sehr amerikanisch. Nur politisch nicht so eine Katastrophe. Und vor allem empfehle ich Kanada allen, die wunderschöne Natur sehen wollen. Kanadas Natur und die Nationalparks sind einfach unglaublich wunderschön.
 
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Auslandssemester sind eine spezielle Sache. Man kann dem Trott hier entkommen und bekommt seine Auszeit sogar für die Uni angerechnet. Die Wenigsten haben aber das Privileg und die Mittel, in einem anderen Land zu studieren. Trotzdem muss einem bewusst sein, dass die Dinge ein bisschen anders sind, als sie gerne öffentlich präsentiert werden. Bei Instagram oder TikTok sieht man nicht die hohen Kosten, das Heimweh, die viele Planungsarbeit und so weiter.

Letztlich ist ein Auslandssemester nicht für jeden geeignet und sollte nie aus einem gesellschaftlichen Zwang heraus gemacht werden. Die Wahrscheinlichkeit, dass gerade du zu den wenigen Prozent gehörst, die ein durchweg perfektes Auslandssemester erleben, ist relativ gering. Es wird Höhen und Tiefen geben, du wirst deine Freunde und Familie vermissen, irgendwas wird nicht so laufen wie geplant und dann ist es auch noch rasend schnell wieder vorbei. Es wird immer anders als erwartet. Und trotzdem gilt: Wann, wenn nicht jetzt?

>> Interview: Andra Vahldiek

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